Muße: Vom Glück des Nichtstuns
Sonntag, 26. Dez 2010 13:40 von Wolff Horbach

Höher. Schneller. Weiter. Das Motto gilt nicht nur für Olympia, sondern dringt seit vielen Jahren immer stärker in jeden Betrieb, jedes Büro - schlimmer noch: in jeden Kopf. Berge von Literatur, eine Schwemme von Ratgebern und eine endlose Liste von Blog-Artikeln, Tweeds und Facebook-Tipps halten uns dazu an, in kürzerer Zeit noch mehr zu schaffen. Immer produktiver und effizienter zu werden.
Da tut es gerade gut, wenn einer einmal inne hält und sich darauf besinnt, dass es noch etwas anderes gibt: Muße. Dieser eine ist der mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel, von dem gerade das Buch “Muße: Vom Glück des Nichtstuns” (Amazon Link) erschienen ist.
Ist es ein Zufall oder Kalkül des Verlages, dass “Muße” kurz vor Weihnachten erschienen ist? Die Adventszeit, die verklärt als die besinnliche beschrieben ist, aber in Wirklichkeit die hektischste Zeit des Jahres ist. Sollte es Kalkül des Verlages gewesen sein, so war es ein Volltreffer. Schon nach einer guten Woche war die erste Auflage des Buches vergriffen. Zur Rezension habe ich bereits 14 Tage nach der Ersterscheinung ein Exemplar der 2. Auflage in der Hand.
Ich nehme einmal das Ergebnis vorweg: Der Erfolg des Buches beruht wahrscheinlich auf zwei Faktoren. Erstens ist das Buch erstklassig recherchiert und sehr gut lesbar geschrieben. Und zweitens bedient es wahrscheinlich eine große Sehnsucht: nach mehr Ruhe, nach weniger Zeitnot und weniger Hektik.
Kapitel I des Buches beschäftigt sich mit dem Phänomen, dass wir zwar immer mehr angeblich zeitsparende Technik(en) einsetzen, aber immer weniger Zeit haben. Es räumt mit dem Mythos auf, dass wir mit mehr Technik zu einem Zeit-Paradies gelangen. Und macht uns klar, dass wir mit immer mehr Möglichkeiten einer immer höheren Preis an “Opportunitätskosten” zu bezahlen haben. Früher war das Telefonieren zwar teurer, aber wir mussten uns nicht um den Tarif kümmern: es gab nur einen einzigen von der Post. Heute telefonieren wir zwar billiger, haben aber eine ganze Menge Arbeit bei der Durchsicht des Tarifdschungels. Und wählen dann garantiert einen Tarif, der nicht optimal für uns ist. So kommt zu der vielen Arbeit noch das schlechte Gefühl, eine Fehlentscheidung getroffen zu haben.
Kapitel II macht klar, was die Last der Informationsflut mit uns - genauer: unserem Gehirn - macht. Auch hier haben wir es mit einem Paradox zu tun: Je mehr Informationen wir überfliegen - zum Lesen reicht die Zeit nicht - desto schlechter sind wir informiert. Bei ständiger Erreichbarkeit ist wir auch ständig unterbrechbar. Und je öfter wir unterbrochen werden, desto schlechter sind unserer Denk- und Arbeitsergebnisse. Fazit: wer nicht ständig nach neuen Informationen jagt oder diese zulässt, sondern sich Ruhe- und Erholungspausen gönnt, erhöht die Leistungsfähigkeit seines Gehirns und wird daher auch bessere Arbeitsergebnisse liefern (können).
Kapitel III belegt anhand wissenschaftlicher Studien, das Schlaf, Pausen, Meditieren oder auch schlichtes Nichtstun alles andere sind als Zeitvergeudung. Im Gegenteil: All das fördert Wohlbefinden, Gesundheit und geistige Leistungsfähigkeit.
Die GALERIE GROSSER MÜSSIGGÄNGER belegt anhand von Persönlichkeiten wie John Lennon, Ernst Pöppel oder Doris Dörrie, dass lange Bett- und Ruhepausen zu außerordentlichen Leistungen befähigen können. Mir gefiel ganz gut die Formulierung der “Querdenker, Pausenkünstler und Abwesenheitsexperten”. Ganz begeistert war ich von Yvon Chouinard, der das halbe Jahr nicht im Büro ist, sondern auf Expeditionen irgendwo auf dem Globus. Der es nicht trotz, sondern wahrscheinlich gerade wegen seiner häufigen Abwesenheit geschafft hat, das sehr erfolgreiche Outdoor-Unternehmen Patagonia aufzubauen. Auch hier taucht wieder das “Weniger ist mehr” auf.
Kapitel IV zeigt auf, wie es überhaupt zu unserer hektischen Gesellschaft kommen konnte. Wie die meisten von uns getrieben sind von dem “Zeit ist Geld”. Wir wir fast immer mehr mitgerissen werden, in immer weniger Zeit im Job immer mehr zu erledigen und in der Freizeit sowie im ganzen Leben mehr zu erleben.
Kapitel V leitet von den Aufzählungen, was Hektik und Zeitmangel alles für negative Auswirkungen haben, über zu Hoffnungs-Inseln. Es gibt sie noch, die Ruhe-Orte. Manche ganz weit weg, andere direkt in der Nachbarschaft. In diesem Kapitel wird auch klar, dass wir die Wahl haben, uns von der Hektik mitreißen zu lassen oder Gelegenheiten zu nutzen, zur Ruhe zu kommen. Hier findet man praktische Tipps und Anregungen zum persönlichen Müßiggang.
Kapitel VI zeigt uns Strategien und gibt uns Hinweise, wie wir es schaffen, mehr Muße in unser Leben zu bringen. Die schlechte Nachricht: wir sind keine Insel und können uns nicht so einfach aus einem hektischen System ausklinken. Die gute Nachricht: Mit der richtigen Strategie, einer konsequenten Haltung und einigen Übungen ist es durchaus machbar, mehr Muße in das eigene Leben zu bringen.
Zum Schluss regt das Buch an, eine persönlichen Fahrplan zu einem entspannteren Leben aufzustellen. Vielleicht genau das richtige für die Jahreszeit, in der die meisten (guten) Vorsätze für das neue Jahr gefasst werden.
Witzig finde ich das “Vorwort für Eilige”. Es ist wohl mehr eine Warnung, nicht nur die “Muße für Eilige” - eine Zusammenfassung des Buches auf zweieinhalb Seiten - zu lesen, sondern das gesamte Buch in Ruhe zu genießen.
Das Buch ist übersichtlich gestaltet. Die Sprache ist klar, prägnant und daher sehr gut lesbar. Mit Hilfe des Inhaltsverzeichnisses findet man bestimmte Passagen leicht wieder. Zahlreiche Literaturverweise - nach Kapiteln aufgeteilt - sind eine Fundgrube für den, der es genauer und tiefer wissen will. Beim ausführlichen Register hätte ich mir gewünscht, dass es nicht nur auf Personen, sondern auch auf Sachbegriffe hinweist.
Fazit: ein sehr gutes Buch. Vor allem denen empfohlen, die meinen, vor dem unausweichlichen Tod noch möglichst viel erledigen zu müssen.


Das Buch ist sehr schön und regt zum Nachdenken und umdenken kann. Ein Muss für jeden neugierigen, interessierten und gebildeten Menschen.