Wie glücklich sind wir Europäer?
Donnerstag, 20. Nov 2008 11:45 von Wolff Horbach
Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Es ist das altbekannte Bild. Skandinavien vorn, Deutschland im Mittelfeld.
Erklärtes Ziel der Europäischen Union (EU) ist es, dass in allen Mitgliedsländern in etwa gleiche Lebensbedingungen herrschen. Das entspricht dem Streben innerhalb der Bundesrepublik Deutschland, dass in allen Bundesländern in etwa gleiche Lebensbedingungen herrschen sollen. Aus Ungleichgewichten werden dann Fördermaßnahmen abgeleitet.
Um zu klären, wie glücklich und zufrieden die Menschen in den jeweiligen Ländern sind, wurde die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) geschaffen. Eurofound hat jüngst die zweite Ausgabe der Studie “European Quality of Life Survey” veröffentlicht.
Untersucht wurden die 27 EU-Staaten (EU15 = 15 “alte” EU-Staaten, NMS12 = 12 Staaten, die 2004 und 2007 neue Mitglieder wurden) sowie 3 Beitrittskandidaten (CC3 = Kroatien, Türkei und Mazedonien). Insgesamt wurden ca. 30.000 Fragebogen ausgewertet. Bezüglich der Lebenszufriedenheit wurde gefragt: “Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Lebens insgesamt?” (10 = sehr zufrieden, 1 = sehr unzufrieden)

Bild: Eurofound
Auf der 10er-Skala beträgt der EU-Durchschnitt 7. Den höchsten Wert erreichen die Dänen mit 8.5, Deutschland liegt mit 7.2 minimal über dem Durchschnitt und Bulgarien bildet mit 5.0 das Schlusslicht.
Interessant finde ich die voreiligen Schlussfolgerungen einiger Presseberichte: Spiegel online: Und Geld macht doch glücklich - zumindest im Prinzip, Netzeitung: Geld macht glücklich oder Financial Times Deutschland trotzig: Geld macht doch glücklich. Dazu kann ich nur sagen: Sie haben es immer noch nicht verstanden. Und wenn man sich die Einzelergebnisse ansieht, wird die Schlussfolgerung “Geld macht glücklich” auch nicht untermauert.
Deutschland liegt beispielsweise mit einem durchschnittlichen Einkommensindex von 121 weit über dem europäischen Durchschnitt mit 100. Auf der Zufriedenheitsskala sind wir aber nur Durchschnitt. Die Dänen verdienen mit einem Index von 125 nur minimal mehr als wir, sind aber viel zufriedener und glücklicher. Das gilt auch umgekehrt: Slowenien hat den gleichen Zufriedenheitsindex wie Deutschland (7.2), liegt im Einkommen mit einem Index von 98 aber weit unter den Deutschen. Geld kann also nicht der ausschlaggebende Faktor sein.
Auffällig ist auch, dass die Zufriedenheitsskala in Deutschland stark vom Einkommen abhängig ist. Das untere Quartil (das Viertel der Menschen mit dem niedrigsten Einkommen) ist mit 6.0 genau so hoch wie das der Menschen in Bulgarien im oberen Quartil (das Viertel der Menschen mit dem höchsten Einkommen). Und das obere Einkommens-Quartil ist bei uns ist mit 8.1 mal gerade so zufrieden wie Schweden im unteren Einkommens-Quartil.
Die Schlussfolgerung: “Die Menschen müssen nur mehr verdienen, dann werden sie automatisch zufriedener”, ist also falsch. Entscheidend sind eher die Einkommensunterschiede und wie mit ihnen umgegangen wird. Der Hartz-IV-Empfänger hier fühlt sich als Verlierer auf der ganzen Linie. Die skandinavischen Ländern verstehen es offensichtlich besser als wir, die Schere zwischen Arm und Reich nicht all zu sehr auseinander gehen zu lassen.
Ich bin mal gespannt darauf, wann endlich unserer Politiker begreifen, was uns diese Zahlen sagen und vor allem: welche Schlussfolgerungen wir daraus ziehen können. Der einseitige Fokus auf die Ökonomie ist es jedenfalls nicht. So schafft man es höchstens, die Menschen unzufriedener zu machen. Wir erleben es gerade wieder: die schlechten wirtschaftlichen Aussichten versetzen Millionen Menschen in Angst und Schrecken. Es wird so getan, als wenn unser gesamtes Lebensglück nur davon abhängen würde, ob das Konjunkturbarometer nach oben oder nach unten zeigt.
Viel besser wäre es, wirtschaftliche Schwankungen als völlig normal anzusehen (so wie die natürlichen Rhythmen Tag und Nacht, Sommer und Winter). Mit nackten Füssen im Sommer am Strand zu laufen macht genau so glücklich wie im Winter warm eingepackt durch tiefen Schnee zu stapfen. Es kommt nicht auf das Wetter (die Konjunktur, das Einkommen, allgemein: äußere Bedingungen) an, ob wir glücklich sind, sondern auf unserer Haltungen (innerer Einstellungen) und Handlungen (aktiv werden, dem Wetter angemessen kleiden, Ausgaben auf Einnahmen abstimmen). Glück ist lernbar!

