Positive Psychologie - was ist das?
Sonntag, 10. Aug 2008 12:01 von Wolff Horbach
Die Psychologie der letzten 100 Jahren - etwa seit Siegmund Freud - sind im Wesentlichen geprägt durch die Suche nach der Ursache von psychischen Erkrankungen und deren Behebung. Zahlreiche Therapierichtungen (Psychoanalyse, Psychosynthese, Gesprächstherapie, Verhaltenstherapie, …) und entsprechend spezialisierte Therapeuten versuchen, den Klienten von seinen Leiden (Ängsten, Neurosen, Psychosen, …) zu befreien.
Erst kürzlich habe ich gelesen, dass sich über 97 Prozent der psychologischen Fachliteratur mit krankhaften oder “abnormalen” Zuständen befassen.
Bildlich gesprochen, versucht ein Therapeut, den Klienten aus einem Tief wieder an die Oberfläche zu holen. Mathematisch könnte man sagen von Minus auf Null.
Aber halt: Gibt es denn nicht auch noch Plus?
Erst in den letzten Jahren entwickelt sich innerhalb der Psychologie ein neuer Bereich: die Positive Psychologie. Treibende Kraft dieser Entwicklung war und ist der amerikanische Psychologie-Professor Martin Seligman. Seligman hat zu Recht angeregt, dass sich die Psychologie nicht vorwiegend mit Krankheitszuständen und deren Heilung befassen sollte, sondern untersuchen und fördern sollte, was Menschen glücklich macht und psychisch stabilisiert.
Die Positive Psychologie befasst sich mit folgenden Bereichen:
Positive Emotionen
Positive Emotionen sind beispielsweise Freude, Glück, Geborgenheit, Vertrauen, Selbstvertrauen, Optimismus, Hoffnung, Akzeptanz, Dankbarkeit, Lust und Zuneigung. Die Wissenschaftler untersuchen, wie diese Befindlichkeiten erzeugt, verstärkt und aufrechterhalten werden können.
Positiver Charakter
Welche Stärken und Tugenden bringen auf Dauer positive Emotionen wie die genannten hervor? Einige gute Beispiele dafür sind die folgenden Eigenschaften: Aufrichtigkeit, Beharrlichkeit, Bescheidenheit, Besonnenheit, Empathie, Fairness, Integrität, Friedfertigkeit, Geduld, Gelassenheit, Humor, Menschlichkeit, Mut, Nächstenliebe, Weisheit, Wertschätzung. Die Wissenschaftler untersuchen, welche Charaktereigenschaften positive Emotionen hervorrufen und wie die Charaktereigenschaften gebildet und verstärkt werden können.
Positive Strukturen
Bestimmte Zustände in Gesellschaften, Politik, öffentlichen Verwaltungen und der Wirtschaft unterstützen die Menschen bei der Ausbildung positiver Charaktereigenschaften. Und wenn möglichst viele Menschen einen gesunden und guten Charakter entfalten können, können sie wiederum positive Emotionen bei sich selbst und anderen entwickeln. Wissenschaftler untersuchen Strukturen, die positive Charakter erzeugen und geben Empfehlungen zur Entwicklung und Gestaltung positiver Strukturen.
Fazit
Während die herkömmliche Psychologie einen leidenden Klienten vom Minus-Bereich höchstens auf Null bringen kann, bringt uns die Positive Psychologie in den Plus-Bereich.


[...] ist einer der weltweit führenden Glücksforscher. Er war treibende Kraft bei der Entwicklung der Positiven Psychologie. Seligman empfiehlt, die eigenen Stärken – er nennt sie Signaturstärken – gut zu kennen und [...]
Ich bin absolut dafür, positive Emotionen und Charaktereigenschaften zu förden, wo es nur geht. Insofern halte ich die Positive Psychologie für eine konsequente Weiterentwicklung.
Dennoch ist mir die oben genannte Darstellung der anderen Richtungen, die sich in der Psychologie einen Namen gemacht haben, etwas zu platt geraten. Durch eigenes Erleben kann ich sagen, dass z.B. Psychoanalyse nicht vom Leiden befreien will. Wenn das geschieht, ist es schön, aber es ist nicht die Zielsetzung. Sie unterstützt und fördert das Verständnis von einem selbst. Sie kann ebenso positive Emotionen und Charaktereigenschaften hervorrufen, lässt aber den Analysanden damit in der Eigenverantwortung. Ich empfinde es eher so, dass PA die Haltung hat: “es gibt kein Leben ohne Leid, das zu akzeptieren kann ich dir helfen. Ob du mit dir und dem Leben glücklicher bist, nachdem du verstanden hast, kann ich dir nicht versprechen. Der Weg ist offen.”
So gesehen hat für mich persönlich die PA (mit all ihren Schwächen) mir aber erst den Zugang zu mehr Glück ermöglicht: in dem ich verstehe, warum ich wie handle und vor allem: dass ich selbst die Verantwortung für mein Leben trage und entscheiden muss, ob ich das tue oder nicht.
Herzliche Grüße und Dank für all das, was du mit uns teilst!
@ Ada Lamie: So ein kurzer Beitrag kann natürlich nicht die div. Therapierichtungen ausreichend würdigen. Zweifelsohne habe div. Therapien sehr vielen Menschen geholfen, ein besseres Leben zu führen.
Die Positive Psychologie hat aber den Ansatz, nicht erst das zu therapieren, was “nicht in Ordnung” ist bzw. von den Klienten als schmerzhaft empfunden wird, sondern die positive Seite zu stärken. So könnten Kinder zB. in der Schule lernen, wie sie ein glückliches Leben führen können. Das ist mindestens genau so wichtig wie Mathe, Deutsch und Physik.
Der Vergleich mit der Medizin wär dann folgender: Klassische Medizin versucht Krankes zu heilen / zu reparieren. Prophylaxe stärkt und fördert das Gesunde, so dass die Krankheit erst gar nicht eintritt.
Danke für die Antwort!
Ich stimme dir zu, wenn das Schulfach “Glück” weiter verbreitet würde, kann viel Schönes erreicht werden. Für viele Kinder wäre es dennoch nicht ausschließlich Prophylaxe, sondern auch Nachsorge. Die Schwächung der Ich-Stärke fängt ja nicht erst im Schulalter an, sondern beginnt leider allzu oft mit dem ersten Atemzug. Daher gilt für mich: Eltern wach machen, zum Glück ermuntern und zugleich Kinder an allen Stellen (wie z.B. Schule) unterstützen/stärken, die möglich sind.